Alles gießt


faz_will_die_frankfurter_rundschau_schlucken_evo_580x326Torgelow/Wien. Für größenwahnsinnig hat man ihn gehalten, als er sich und seine Pläne als neuer Alleingesellschafter der Eisengießerei vorstellte: der Herr Schönfeldt aus Wien.

Ein Visionär, sagten die einen. Ein Spinner, die anderen. Carl Ludwig Anton Schönfeldt, Spezialist für Risikokapital- geschäfte und Privatbeteiligungen, hat viele Funktionen. In Torgelow stellte er sich als „Industrieller“ vor.

Anfang 2004 war das: schwer wie Blei lag die Depression über dem vorpommerschen Kleinstädtchen. Die einst volkseigene Gießerei schlingerte seit ihrer Privatisierung 1993 von einer Insolvenz in die nächste. Selbst eine dem EU-Recht nicht gemäße Millionenbeihilfe des Bundes hielt die Talfahrt nicht auf. Damals, 2004, lenkte noch das Wiener Handelshaus CHL die Geschicke der Eisengießerei – ohne Erfolg. Und doch schafften es die Wiener, die Investition ihrem umtriebigen Landsmann Schönfeldt schmackhaft zu machen.

Denn Schönfeldt, Geschäftsführer und Mehrheitsgesellschafter der kurz zuvor gegründeten CLH Immobilien und Beteiligung GmbH, hatte eine Vision. Von einem Rohdiamanten sprach er. Nur geschliffen werden müsse der noch. Glauben wollten ihm viele, doch in der Lage dazu waren die wenigsten der verbliebenen 60 Gießer. 2400 waren es einst gewesen. Die Arbeitslosenquote schoss weit über die 30-Prozentmarke.

Drei Jahre später spricht niemand mehr von Größenwahn. Schönfeldt und sein Schleifer, Geschäftsführer Hermann Josef Taterra, haben geschafft, was selbst Berufsoptimisten im Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns nicht für möglich gehalten hatten.

„Wir haben hier die weltweit modernste und umsatzstärkste Gießerei“, sagt Taterra mit geschwellter Brust. Hier in Uecker-Randow, Deutschlands ärmstem Landkreis! Vorpommerns glühendes Herz pulsiert wieder. „Die Auftragsbücher sind voll bis 2011“, redet der Kölner gegen den ohrenbetäubenden Lärm in der Gießereihalle an. 570 Mann beschäftigt die Eisengießerei EGT Torgelow GmbH, darunter 102 Lehrlinge.

Den Umsatz hat Taterra durch ständige Kapazitätserweiterungen von 5,3 auf 82 Millionen Euro im laufenden Geschäftsjahr gepeitscht. 90 hätten es sein können, hätte die e.on-edis AG Torgelow früher ans Hochspannungsnetz angeschlossen. Nun tanzen die Hochseilakrobaten in 45 Meter Höhe über den Wäldern vor der Kreisstadt. Das Projekt stieß auf viel Widerstand. „So unterscheiden sich die Interessen von Kleingärtnern und Unternehmern“, lacht Taterra.

In vier Jahren will er nun eine Schallmauer durchbrechen: 1000 Mitarbeiter, die 180 Millionen Umsatz erwirtschaften. Weitere 60 Millionen Euro will er bis dahin investiert haben. Pläne für ein eigenes Stahlwerk liegen in der Schublade. Solches hört man gerne im Lande. Politgranden geben sich die Klinke in die Hand in Torgelow, posieren lächelnd fürs Gute-Laune-Foto im Wirtschaftswunder-Städtchen. Es hat schon fast eine groteske Note, wie selbst Ministerpräsident Harald Ringstorff die Werbetrommel rührt. Sein ehemaliger Wirtschaftsminister Otto Ebnet (beide SPD) brachte gleich Frau und Tochter mit zum Sektempfang. Und weil Taterra nun einmal vorwiegend Arbeit für Männer bieten kann, betätigt er sich gleich noch als privater Wirtschaftsförderer. 500 Jobs will ein Call-Center in Torgelow schaffen. Der Kontakt sei durch seine Frau angebahnt worden. Die Gießerei zahlt die Umbauten in der ungenutzten Halle. Das Funkeln in Taterras Augen verrät die Freude über den Coup. Die Gießerei ist allgegenwärtig in Torgelow. Inzwischen spielt selbst der Fußball-Oberligist in der Gießerei-Arena. 20 000 Euro lässt Taterra sich das jährlich kosten. Geld, das er in die Jugend investiert sehen möchte. „Ein Dankeschön an die Belegschaft“, nennt er solches Engagement. „Die ist unser größtes Kapital.“

Freiwillig sagt er nicht, dass ein Großteil seiner Belegschaft nur als Zeitarbeiter beschäftigt ist. Die „prekäre Arbeits- und Lebenssituation der Beschäftigten wird genutzt, die Leute gefügig zu machen“, sagt IG-Metall-Gewerkschaftssekretär Guido Fröschke. Für ihn schmälert das die Freude darüber, dass man in Torgelow überhaupt wieder Arbeit hat, erheblich.

„Das Wunder von Torgelow“, titelte die Süddeutsche Zeitung ungeachtet der Tatsache, dass mit 1300 Euro der Bruttoverdienst für einen Facharbeiter in der Gießerei rund 800 Euro unter Tarif liegt, wie Fröschke sagt, von den Löhnen der Zeitarbeiter nicht zu reden. Taterra hält dagegen, dass auch die Leiharbeiter „alle Prämien und Zuschläge“ erhielten: bis zu 400 Euro im Monat. „Andere setzen den Grundlohn hoch an, wir schaffen Motivation.“ Versuche der IG Metall, mitzureden, seien mit der Drohung erwidert worden, die Investitionen zurückzufahren, bestätigt Fröschke entsprechende Gerüchte. „Wir brächten nur Unruhe.“

Die Fenster des backsteinroten Verwaltungsbaus spiegeln die goldene Herbstsonne. „Selbst die Reinigungsfirmen profitieren vom Aufschwung“, sagt Taterra. Vom Industriehafen im nahen Ueckermünde ganz zu schweigen. Herbstlaub wirbelt über den Hof. Aus den Schornsteinen steigt Rauch in den blauen Himmel. Taterra ist oben. Ganz oben. Ein Sanierer sei er längst nicht mehr, sagt er. Beherzt schreitet er zum Bürofenster und deutet mit einer gebieterischen Geste auf den Parkplatz. Was will er hören: schöne Autos? „Die Leute können wieder planen“, erzählt er seine Geschichte des Aufschwungs. „Bevor wir kamen, herrschte hier Angst. Heute sind die Leute stolz, in der Gießerei zu arbeiten.“

Von den Leuten selbst will keiner reden an diesem Tag. Viele Arbeiter tippen sich an die Stirn, wenn sie die Geschichte von der Hoffnung, den schönen Autos, der verflogenen Angst hören. „Willkommen in Hermann-Josef-Stadt“, ruft einer. „Niemand traut sich, den Mund aufzumachen“, seufzt Fröschke. „Wir sind doch froh, dass hier überhaupt was läuft“, sagt ein junger Arbeiter.

Ähnlich formuliert das später auch Fröschke. Darauf kann Taterra bauen. Polnische Leiharbeiter hat er nicht nötig: Billige Arbeitskräfte gibt es genug bei noch immer 18 Prozent Arbeitslosigkeit im Kreis, Alternativen zur Gießerei wenig. Gerade erst hat Taterra 40 Arbeitslose umschulen lassen. Freuen über das Geschäft mit den Zeitarbeitern kann sich auch seine Frau: Erika Taterra, Personalchefin der EGT, ist zugleich Geschäftsführerin der Zeitarbeitsfirma Arbeit aktiv Torgelow GmbH. Offiziell – selbstverständlich – arbeiten beide Firmen völlig unabhängig.

Die Luft in der Gießereihalle ist staubig. Es ist dunkel wie unter Tage. Arbeiter in silberfarbenen Kluften laufen umher, Kräne fahren, Funken sprühen. In schweren Kesseln glüht flüssiges Roheisen. Riesige Rotornaben warten auf den letzten Feinschliff: vier Meter im Durchmesser, 30 Tonnen schwer. Zwei Drittel der Produktion machen solche Gussteile für Windenergieanlagen aus. 70 Prozent werden exportiert. Die Marktnische und die anziehende Konjunktur brachten Erfolg. Inzwischen sei es ein Selbstläufer, „made in Torgelow“ ein internationales Qualitätssiegel.

„Stopp“, schreit Taterra und pfeift einige Arbeiter zu sich. Er ist eine wuchtige Erscheinung, der 54-Jährige: ein Mann wie ein Bär, Augen wie ein Luchs. „Seht ihr nicht, dass das schief sitzt?“ Die Männer senken ihre rußgeschwärzten Gesichter. Taterra ist stolz darauf, „weniger als drei Prozent Ausschuss“ zu haben. Und das soll auch so bleiben, sagt er – und geht. Die Hallentüre fällt krachend ins Schloss. Gewerkschafter Fröschke kennt solche Auftritte: „Taterra ist das, was man im Arbeiterdeutsch einen Choleriker nennt“, sagt er, dem mehr als eine Beschwerde über Taterra vorliege.

„Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht wir? Wo, wenn nicht hier?“ Das ist eines dieser Kennedy-Zitate, die Taterra ob „ihrer tiefen Wahrheit“ so liebt. In Torgelow ist es Programm. Rund 47 Millionen Euro sind am Standort investiert worden, die Hälfte öffentliche Fördermittel. Eine stramme Leistung. Billiger lässt sich der Unternehmenswert kaum steigern.

Das Wirtschaftsministerium in Schwerin will sich zu Einzelförderungen nicht äußern. Doch Ringstorff selbst betonte bei einem Besuch in Wien diesen Sommer, wie dienlich die Förderpolitik seines Bundeslandes für Investoren sei. Diesen Standortvorteil hatte Taterra schon 2002 im württembergischen Hattenhofen erkannt: Subventionen sowie niedrige Lohn- und Produktionskosten bevorteilten die Ost-Konkurrenz, warnte er als technischer Geschäftsführer der dortigen Gießerei Plattenhardt. Schon damals wollte er es „zur Nummer Eins in Deutschland“ schaffen. Dazu brauchte er eine Baugenehmigung für eine neue Produktionshalle. Die bekam er auch. „Er ist halt ein Global Player“, lacht Hattenhofens Bürgermeister Jochen Reutter. Wie ein Kompliment klingt das nicht. Soll es auch nicht. Als „ausgesprochen fordernd“ beschreibt er Taterra. Und Fröschke äußert seine Befürchtung für Torgelow unverblümt: „Ich denke, man will vor allem Fördergelder abgreifen.“

Taterra sitzt in seinem Büro, lehnt sich zurück, verschränkt die Arme – und lacht. Dann fügt er nicht ganz ohne Stolz an: „Ein Minister hat mir einmal gesagt, dass wir eine der wenigen Firmen im Osten sind, die Fördermittel wirklich effizient einsetzen: „Wir schaffen Arbeit.“ Und Arbeit, die braucht es in der strukturschwachen Krisenregion.

Doch ganz so direkt ist die Verbindung zwischen Fördermitteln und Arbeitsplätzen dann doch nicht. Denn die Eisengießerei Torgelow dient lediglich als Betreibergesellschaft. Laut Schweriner Wirtschaftsministerium wurden die Investitionen in Torgelow „seit 2005 im Rahmen einer Betriebsaufspaltung realisiert“. Verboten ist das nicht. Clever, auch steuerlich, schon. Besitzgesellschaft ist die Ende 2004 gegründete GGT Großguss Torgelow GmbH. Förderanträge stellte sie gemeinsam mit der EGT.

Laut der Auskunftei Creditreform beschäftigt die GGT jedoch nur einen Mitarbeiter, nicht gerade ein Jobwunder. Der aber erwirtschaftete 2005 gut zwei Millionen Euro Umsatz. So er nicht Herkules heißt, wohl kaum durch die „Herstellung von Gießereierzeugnissen“, wie Creditreform angibt. Arbeit zu schaffen ist zwar eine der Förderbedingungen, „uns aber interessiert der Standort insgesamt“, erklärt dazu ein Ministeriumssprecher.

Wie an der Eisengießerei, hält Schönfeldts CLH auch an der Großguss den Löwenanteil; Geschäftsführer Taterra zehn Prozent. Der Rest verteilt sich auf zwei Wiener Mittelstandsfinanzierungs AGs sowie eine Reihe von Privatpersonen. Schönfeldt, bei dem die Fäden zusammen laufen, ist eine von ihnen. Bis auf die Münchener GCI Management AG alles vertraute Zirkel. Man kennt sich. Und sei es aus dem Wiener Konzerthaus. „Ehrt eure deutschen Meister, dann bannt ihr gute Geister“, steht dort an der Hausfront. Doch nicht alle sehen gute Geister. Fröschke ist einer dieser Spaßbremser. „Ich würde mir wünschen, dass die Entwicklung für die Beschäftigten gut geht, aber in vergleichbaren Fällen spricht man oft von Seifenblasen“, sagt er. Seifenblasen? Da winkt Taterra ab: „Wir haben hier eine glasklare Strategie, die mit Schönfeldt abgesprochen ist: Das ist eine Perle, und die wird nicht verkauft.“

Eine klare Strategie zu haben, das dachte allerdings auch Branko Mihajlov, Geschäftsführer der florierenden Elektrowarenkette MakroMarkt. 2005 dann das Aus: Investor Schönfeldt zog sich zurück. Die Kette sei „zu rasch und forsch gewachsen“, sagt er. Mihajlov hält dagegen, dass ihn Schönfeldt „mit Nachdruck in die Expansion getrieben“ habe. Taterra kennt „diese Geschichte“. Viel will er dazu nicht sagen, nur das: Im Gegensatz zu MakroMarkt stünde bei der Eisengießerei „genügend Kapital im Hintergrund“.

Im Hintergrund, da fühlt sich auch Schönfeldt am wohlsten: Innerhalb von drei Jahren hielt Taterra es nicht einmal für nötig, eine aktuelle Gesellschafterliste beim Handelsregister einzureichen; geschweige denn eine Bilanz. Aber was interessieren einen Erfolgsmenschen schon Paragrafen? Die Namensähnlichkeit zwischen der Vorgängergesellschaft CHL und Schönfeldts CLH sorgt zwar hin und wieder für Verwirrung, stören daran will sich aber offenbar keiner. Auch der Ministerpräsident übersieht den Gesellschafterwechsel anno 2004 gerne in seinen Reden. Das Bild dessen, was Schönfeldt das „neue deutsche Wirtschaftswunder“ nennt, rundet das irgendwie ab.

Copyright © 2008 Frankfurter Rundschau
Dokument erstellt am 05.12.2007 um 17:12:02 Uhr
Letzte Änderung am 05.12.2007 um 19:56:01 Uhr

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